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Elbe-Saale Reisetagebuch 2009

20.06.2009  Schwerin-Dömitz, 85 km

Es ging quer durch Mecklenburg über Neu Zachun, Moraas in Richtung Dömitz. Die Wege waren gut befahrbar und schnell erreichte die zu überquerende Autobahn A 24. Danach erwartete mich ein Weg aus losem Sandboden, der durch mehrere Wälder führte. Nur mit Mühe hielt ich das voll beladene Rad in der Spur. An zwei Streckenabschnitten wäre ich beinahe gestürzt, konnte aber in letzter Sekunde noch das Rad zum Stehen zu bringen. Dabei hatte sich wohl meine Jacke, die ich auf dem hinteren Packsack befestigt hatte, mit dem Ärmel in der Felgenbremse verhakt. Erst bei einer Rast in Strohkirchen stellte ich den Schaden fest und mit dem nun schwarzen Jackenärmel ging es weiter in Richtung Picher. Bei Vornhorst erreichte mich der erste kräftige Regen, doch glücklicherweise fand ich in einem Häuschen auf dem Sportplatz Schutz. Darauf folgten noch zwei weitere kräftige Regengüsse, aber überdachte Bushaltestellen hielten mich trocken.

Gegen 16:00 traf ich in Dömitz ein, besuchte die alte Festung und fuhr weiter in Richtung Hafen zum Campingplatz. Der Hafenmeister, bei dem ich mich anmelden wollte, ließ noch bis 17:00 Uhr auf sich warten. Dunkle Wolken zogen auf, sodass ich schnellstens mein Zelt aufstellte. Als ich ein weiteres kleines Zelt in einem Rondell sah, vermutete ich dort den Zeltplatz. Wie ich später erfahren sollte, waren zwei ältere Herren mit ihrer Bleibe hierher gezogen, um die anderen Gäste nicht zu stören. Der Grund für diese Rücksichtnahme erschloss sich mir erst in der Nacht: Gegen 21: 00 Uhr lag ich in meinem Schlafsack und wollte nur noch schlafen, als ich hörte, wie weitere Zelte, um meinen Platz errichtet wurden. Es waren Ruderer, die ihr Nachtlager bezogen. „Nun gut“, dachte ich, „die wollen auch schlafen, damit sie am nächsten Tag fit weiter paddeln können“. Vorerst kehrte also Ruhe ein. Doch gerade dann, als ich einschlafen wollte, kamen die Herren von einem Ausflug zurück und begaben sich lautstark zur „Ruhe“ – nur die meine blieb auf der Strecke. Hörte der eine mit dem Schnarchen auf, begann der nächste Nächtigende im Zelt nebenan.  Nach dieser langen und wenig erholsamen Nacht wurde mir klar, warum die zwei älteren Herrschaften ihr Zelt abseits aufgestellten. Als sie von Ihrer Sauftour zurück kamen, stritten sie lautstark über Käse: Einer der Herren hatte sich ein Stück Käse ausgepackt, um ihn zu verspeisen, aber sein Zeltmitbewohner konnte den Geruch von Käse noch nie leiden und so stritten sie noch geraume Zeit. Als die Sonne aufging, packte ich in Windeseile meine Sachen und war froh, nach einem knappen Frühstück diesen lauten Ort wieder verlassen zu können.

21.06.2009  Dömitz-Havelberg, 101 km

Der Weg führte mich auf dem Elberadweg auf einen Elbdeich, vorbei an den Elb-Auen und wunderschönen alten Bauernhäusern mit Gartenlokalen davor.

Rinder dösten auf einer saftigen Weide unterhalb eines umgestürzten Baumes. Weiter ging es in Richtung Lenzen; direkt an der Elbe erinnerte mich ein alter Wach- bzw. Aussichtsturm an die Zeit der Grenzsicherung und das geteilte Deutschland. Inzwischen kann man diesen Turm besteigen, die Aussicht genießen und die Fähre beim Übersetzen beobachten. Nichts erinnert mehr an die stark bewachte Grenze.

Die Fahrt ging weiter in Richtung Wittenberge, und schon nach der nächsten Biegung kam ich in ein Dorf mit einem schönen Storchennest. Die Bewohner dieses Nestes finden hier in den feuchten Wiesen sicher reichlich Nahrung für ihre Jungen. Einer der Störche stand inmitten einer Schafherde und ließ sich von nichts aus der Ruhe bringen. Erst als ich mit meiner Kamera näher herankam, erhob er sich elegant in die Lüfte und flog zu seinem Horst. Aus so unmittelbarer Nähe hatte ich bisher noch nie einen Storch gesehen. Die Fahrt nach Wittenberge ging weiter und langsam bekam ich etwas Hunger. Als ich die Stadt erreichte, führte der Radweg direkt an einigen, an der Elbpromenade gelegenen Gasthäusern vorbei. In einem Biergarten aß ich dann eine leckere Portion hausgemachte „Spagetti Bolognese“ und bekam noch Informationen von einem Radler-Paar aus Holland. Sie empfahlen mir einen Inselzeltplatz in Havelberg, der sehr schön sein sollte. Sie befanden sich ebenfalls auf dem Weg dorthin, nur mit dem Unterschied, dass die „Radler“ ab Storchendorf mit ihrem Wohnmobil dorthin fahren wollten. Im Laufe unserer Unterhaltung berichteten sie mir von den kulturellen Sehenswürdigkeiten, die sie schon besucht hatten, und schlussendlich verabreden wir uns für ein Treffen auf dem Inselzeltplatz. Wenn man sich nicht verfährt, seien es bis Havelberg noch gut 25 km. Kaum gedacht, schon fuhr ich in eine falsche Richtung, denn auf Nachfrage zu meinem Weg wurde ich in die falsche Richtung geschickt. Über eine Brücke und durch einen Tunnel fuhr ich nach Breese, bis mir die Strecke merkwürdig erschien. Erneut fragte ich nach dem Weg und nun war klar, dass ich hier falsch war also zurück! Circa eine Stunde später überholte ich die Leute, die mich in die falsche Richtung geschickt hatten, und hatte somit meinen Frieden zurück: Schneller sind die nämlich auch nicht vorangekommen.

Bei der Weiterfahrt über einen holperigen Weg auf dem Deichkamm zog ich an einem Pärchen vorüber, das es scheinbar nicht sehr eilig hatte. Bei dieser Aktion musste ich vorsichtig über die Grasnarbe in der Mitte der zwei Wege rollen, denn jede größere Erschütterung konnte dazu führen, dass ich die Gewalt über das Fahrrad verlieren würde. Nachdem das Paar überholt war, spürte ich hinter mir einen schnell näher kommenden Radfahrer, dem ich wohl zu langsam war. Ich bemerkte, dass sich seine Satteltasche löste und rief noch: „Ich glaube, dein Vorderradgepäckträger verabschiedet sich gerade!“, woraufhin er sofort anhielt. Ich fuhr in dem Glauben weiter, dass sich bei ihm nur eine Öse der Satteltasche gelöst hatte, wie es bei mir auch schon vorgekommen war. Auf der weiteren Fahrt drehe ich mich oft in der Hoffnung um, den Radfahren noch einmal zu sehen, aber Fehlanzeige. Vielleicht hätte ich doch anhalten und dem anderen Radler helfen sollen, denn jetzt klopfte das schlechte Gewissen. Also trat ich weiter in die Pedale, auch wenn mein rechtes Knie nicht mehr so recht wollte, aber der Zeltplatz „Havelberg“ war und blieb das Ziel. Befehl vom Kopf ans Knie: Weiterfahren! Mit großen Schmerzen kam ich gegen 18:00 Uhr auf dem Zeltplatz an, wo mir die Niederländer aus Wittenberge schon zuwinkten – sie hatten ihren Stellplatz direkt am Eingang. Jetzt waren die Knieprobleme schon Schnee von gestern.

An der Rezeption wurde ich freundlich mit einem „Da bist du ja endlich!“ begrüßt, da ein Radreisender mit ähnlich umfangreichem Gepäck mich mit seinem Radbegleiter von der Neuseelandtour verwechselte. Die freundliche Dame hinter dem Tresen empfing mich mit den Worten „Hallo, Herr Fuchs!“, denn auch sie hielt mich für den vermissten Radler. Mit so einem Begrüßungskomitee hatte ich nicht gerechnet. Nach einem kleinen Belohnungseis schob ich mein Rad – fahren mochte ich nicht mehr – auf die Zeltwiese. Nach einiger Überlegung, da der Platz zu diesem Zeitpunkt noch relativ leer war, errichtete ich mein mobiles Domizil neben dem Zelt des Radreisenden von der Rezeption. Nach wenigen Handgriffen an unserer Ausrüstung kamen wir ins Gespräch. M., wie er sich vorstellte, hatte schon wesentlich mehr Radreiseerfahrung als ich.

Er und sein Fahrradkumpel waren auf der Brandenburg-Rundtour unterwegs, kennengelernt hatten sie sich bei einer vorherigen Tour in Neuseeland. Während unseres Gesprächs kam der schon vermisste Radfahrer auf seinem Liegerad angefahren und Thomas, so sein Name, richtete etwas abseits von unseren Zelten sein Nachtlager ein. Plötzlich war Eile geboten, der Himmel verdunkelte sich und schlagartig begann es zu regnen. Unweit unserer Zelte, die gerade rechtzeitig aufgestellt waren, um unser Gepäck aufzunehmen, befand sich ein großes Festzelt. Dort konnten wir die Räder und unsere Kleidung trocknen. Zu uns gesellte sich ein weiterer Radreise-Nomade, der auch jetzt erst eingetroffen und noch rechtzeitig vor dem Regen mit dem Aufbau seines Zeltes fertig war. Wir kamen sofort ins Gespräch und Walter, der schon in Cuxhaven seine Reise antrat und den Elberadweg befuhr, berichtete in schönstem „Schwyzerdütsch“ von seinem Vorhaben und seiner Ausrüstung. Walters Weg führte noch bis nach Prag, von dort wollte ihn seine Frau mit dem Auto abholen. Er fuhr ein „Norwid“ mit Rohloff-Schaltung und plante demnächst eine Tour von Alaska nach Los Angeles zu machen. Der Regen ließ nach und M. wollte noch seinen Tagesbericht auf eine Internetseite laden, aus diesem Grund verabredeten wir uns in dem Cafe am Eingang des Campingplatzes. Wir verbrachten einen lustigen Abend, denn sowohl M. als auch Walter hatten viele Anekdoten von ihren Reisen zu berichten. So erfuhr ich von M., dass er eine Tour durch Amerika in den Beinen hatte – 5.600 km von der Ost- an die Westküste. Walter erzählte von seiner Zeit in Südamerika und einer Radreise durch Dänemark, wobei er immer wieder von freundlichen Menschen angesprochen wurde, die in allen Reise-Lebenslagen ihre Hilfe anboten und somit für weitere Motivation sorgten. Nach reichlich Gesprächsstoff erzählte Walter, dass er unterwegs ein Problem mit seinem Lowrider hatte und ein anderer Radfahrer ihn darauf ansprach. „Gibt es solche Zufälle? Wahnsinn!“, dachte ich, denn dieser Radfahrer war ich. Nachdem ich der Runde mitteilte, besagter Radfahrer zu sein, gab es ein riesiges Hallo. Zur Versöhnung sowie zu meiner eigenen Wiedergutmachung, da ich nicht geholfen hatte, spendierte ich eine Runde Bier. Um 21:00 Uhr wurde das Cafe geschlossen und ich fiel in meinen Schlafsack, denn am nächsten Morgen wollte ich um 9:00 Uhr losfahren. M. erzählte mir von einem ähnlichen Zeitrahmen, nur Thomas hatte es nicht so eilig – das ist der Nachteil, wenn man zu zweit fährt. Thomas wollte noch in seinem Buch lesen und dann die 100 km bolzen.

M., Walter und ich stellen uns noch zu einem Erinnerungsfoto auf, bevor jeder wieder seinem Weg folgte. Walter hatte nach 5 Tagen im Sattel vor einen Ruhetag einzulegen, M. wollte auf dem Brandenburg-Radweg weiterfahren und meine Route führte den Elbe-Radweg entlang bis nach Bertingen.

22.06.2009 Havelberg-Bertingen, 94 km

Nach der Abfahrt in Havelberg wurde auf meiner Route eine Umleitung ausgeschildert, das setzte sich auch den Tag über fort. Die Wege waren schlecht markiert und auch die Beschaffenheit der Fahrbahnbeläge erstreckte sich von Schotter bis hin zur Grasnarbe mit tiefen Bodendellen. Dann verfuhr ich mich auch noch und radelte mit 8 km/h über die Deich-Grasnarbe, bis mein Schaltwerk voller Gras war und seinen Dienst einstellte. Mir blieb also nichts weiter übrig, als die Umlenkrollen zu reinigen – das Ergebnis waren schwarze Hände. In der Ferne erblicke ich einen Kirchturm, der mich zum Weiterfahren beflügelte und die Hoffnung weckte, einen besseren Weg unter die Räder zu bekommen. Nach circa 2 km sah ich dann endlich einen asphaltierten Weg, der mich zur Fähre nach Arneburg, auch „Grüne Stadt am Strom“ genannt, brachte.

Ich ließ den Ort hinter mir und der an Feldern gelegene Radweg führte mich bis nach Tangermünde, einer mittelalterlichen Stadt mit Türmen und Stadttoren, vorbei an Fachwerkhäusern bis hin zum Kapitelturm (heutiger Aussichtsturm). Da mein Magen nach einer leichten Mittagsmahlzeit verlangte, aß ich auf einem kleinen Markt mit Springbrunnen einen Salat und beobachte derweil die den Turm bewohnenden Falken. Gestärkt zog es mich weiter, aber zuvor musste ich in der Stadt noch etwas Geld abheben – doch an keiner der Banken gab es Geld aus dem Automaten. Mit der Kreditkarte-Geld abzuheben sei nicht möglich, sagte mir eine Mitarbeiterin der Bank. Basta.

Also zog ich unverrichteter Dinge weiter, Richtung Campingplatz Sandkrug. Den wollte ich zwar erreichen, nur mein Knie stellte sich quer – es fing an zu schmerzen. Laut Hinweisschild gab es zwar auch in Bertingen einen Campingplatz, doch ich wollte weiter. Nach ungefähr 8 km erreichte ich Sandkrug. Der Platz wirkte sehr ungastlich: Gelegen an einem Baggerloch und der Eingang war verschlossen. Auf Nachfrage bei zwei Badegästen, die von einem weiteren Baggersee in der Nähe kamen, wurde mir der Umweg zum 2. Eingang gezeigt. Nach Erreichen des Ziels wirkte der Platz wie der Eingang zu einem Schrottplatz. Das war definitiv nicht nach meinem Geschmack, schließlich plante ich hier zu duschen und meine Wäsche zu waschen. Also fuhr ich genervt nach Bertingen zurück und wurde für mein Durchhaltevermögen belohnt, da der Campingplatz meine Erwartungen erfüllte. Kaum dass mein Zelt stand, traf ein weiterer Radfahrer ein, mit dem ich gleich ins Gespräch kam. Seine Reise führte von Hamm in Richtung Hamburg, um auf dem Elberadweg nach Dresden zu fahren. Wir tauschen Erlebnisse aus und er borgte sich von mir einen Inbus-Schlüssel zur Reparatur seines Hinterradständers. Der Reisende führte keinerlei Werkzeug mit sich, hatte dafür auf der Fahrt aber schon einen Plattfuß, den er in einer Ortschaft reparieren lassen musste – soviel Glück hat nicht jeder.

Nach den abendlichen Verpflichtungen trafen wir uns in der Zeltplatzkneipe auf ein Bier, bei dem er mir von seiner Motivation für diese Reise erzählte. Nach einem dreijährigen Auslandseinsatz in Asien kehrte er nach Deutschland zurück und suchte nun eine Stadt, in der er sich wohlfühlen und einen Arbeitsplatz finden konnte. Mit Hildesheim, seinem jetzigen Wohnort, schien er nicht zufrieden zu sein, und auch nach Berlin, wo er vor seiner Auslandzeit gelebt hatte, wollte er nicht zurück. Und weil auch Hamburg kein geeigneter Ort für ihn zu sein schien, sah er sich die Städte an der Elbe an. Möglicherweise würde Dresden ja ein potenzieller Wohlfühlort für ihn sein. Zum Schluss erzählte er noch von seiner Begegnung mit Herbert aus Hannover. Der 70jährige Reiseradler wollte nach Bergen in Norwegen fahren und nach 8 Wochen, so sagte er seiner Familie, zurück sein.

23.06.2009 Bertingen-Dornburg, 85 Km

Der Weg führte über Sandkrug nach Rogätz, und dort setzte ich mit einer Fähre über. In einiger Entfernung sah ich die Dächer der Stadt Burg und fuhr in Richtung Niegripp. Nach der Schleuse gab es einen urigen Rastplatz, der aus einem alten Schleppkahn bestand. Diesen Rastplatz nutzte ich, um meinen Sattel tiefer zu stellen, die Knieprobleme konnten von der falschen Sitzhöhe kommen.

Der nächste Höhepunkt auf der abwechslungsreichen Strecke führte zum Elbe-Havel-Kanal. Der Weg führte mich über eine Straße der Schleusenanlage Hohenwarte, auf der anderen Seite des Kanals weiter zur Elbe. Dort befand sich das Wasserstraßenkreuz Elbe-Mittellandkanal und mein nächstes Problem: Der Wegweiser zum Elberadweg zeigte in Richtung Norden, aber die Stadt Magdeburg lag in südlicher Richtung. Also fuhr ich bis zum nächsten Hinweisschild, leider ging es dort nicht nach Magdeburg, zurück zum Ausgangspunkt und dort fragte ich Radfahrer die aus südlicher Richtung kamen. Sie bestätigten mir, der Weg führe nach Süden, ein weiterer Radfahrer kam hinzu, der auch nach Magdeburg wollte. Helmut, der Hamburger befuhr den Elberadweg und wollte bis Bad Schandau, wir hatten sofort viele Gesprächsthemen, logisch bei den Fortbewegungsmitteln.

Wir kamen gut voran und passierten Lostau; noch einige Kurven und wir waren in Magdeburg. Der erste Eindruck von Magdeburg war überwältigend, wir fuhren durch einen Park zum historischen „Herrenkrug Parkhotel“, ein Haus, wie ich es aus der Ostseebäder-Architektur kannte. Über die Elbe führte eine Brücke und weiter ging es auf dem alternativen Radweg durch Magdeburg. Angekommen in einer alten Speicherstadt, passierten wir eine kleine eiserne Brücke mit Hubbrückensegment, leider konnte ich das Rad über die steilen Treppen nur tragen. Gut, dass Helmut dabei war, er half mir, das Rad über die Stufen zu heben. In Magdeburg trafen wir, inmitten vieler historischer Bauten, auf ein turbulentes Markttreiben. Einige der Sehenswürdigkeiten waren das Rathaus im Renaissancestil (12./13. Jh.), der Dom St. Mauritius und die St. Katharina (937), die Johanneskirche (1131) im romanischen Stil.

Wir fuhren dann jedoch getrennt weiter. Helmut wollte auf die Elb-Insel und ich geradeaus auf dem alternativen Radweg weiterfahren. Mein Tagesziel war die Elbmündung, denn da meine Knieprobleme jederzeit auftreten konnten, wollte ich rasch vorankommen.

Die Fahrt ging dann über nicht sehr schöne Straßenzüge in Richtung Schönebeck, über eine Brücke gelangte ich auf die andere Elbseite, nach Grünewalde. Auf dem Deich entlang ging es über Pretzien nach Tiefensee. Bei einer fast skandinavischen Aussicht auf den See, machte ich Rast und genoss im „Biketreff“ mein Eis und den Kaffee, denn es gab noch kein Mittag an diesem Tag. Als ich fasziniert vom Wasser in die Pedale trat, klingelt es energisch hinter mir, genervt rufe ich: „Überhol mich doch“, nichts tat sich, ich drehte mich um. Wahnsinn, Helmut kam angeradelt, das gab ein riesiges Hallo. Bei einer Tasse Kaffee tauschten wir noch unsere Eindrücke der gefahrenen Kilometer aus und fuhren dann gemeinsam weiter. Mein Zeltplatz lag bei Dornburg und Helmut wollte ein Zimmer in der Nähe suchen. So verabschiedeten wir uns erneut mit dem Versprechen, uns telefonisch für den Abend zu verabreden.

Angekommen auf dem kleinen Zeltplatz und nach den üblichen Formalitäten, wurde ich zu einem Grillfest eingeladen. Gesättigt und zufrieden spulte ich die abendlichen Pflichten ab: Zelt aufbauen, Wäsche waschen, Isomatte aufpumpen usw. Die Gäste des Grillfestes verabschiedeten sich und fuhren nach Hause. Nach getaner Arbeit telefonierte ich mit Helmut, der in Barby ein Zimmer gefunden hatte, und da es noch 8 Kilometer bis Barby waren, fiel unserer gemeinsamer Abend aus. Mir stand nun die Nacht auf dem verlassen wirkenden Campingplatz, mit viel altem DDR-Charme, bevor. Die Duschen hatte wohl schon länger keiner benutzt, dachte ich, als ich mich zur Nachtruhe vorbereitete.

Am nächsten Morgen stelle ich fest, dass es außer mir keinen weiteren Camper gab, also war es doch eine einsame Nacht.

24.06.2009 Dornburg-Halle, 108 Km

Gegen 8:15 Uhr fuhr ich in Richtung Barby ab, an dem Abzweig Walternienburg sah ich aus der Entfernung einen Radfahrer stehen. Als ich näher kam, dachte ich, das wird doch nicht… sein. Doch, es war Helmut, ich hatte im Telefonat erwähnt, gegen 8:30 loszufahren, und so hatte er seit 3 Minuten hier auf mich gewartet. Die Begrüßung fiel sehr herzlich aus, denn damit hatte ich nicht gerechnet. Helmut hatte einen schönen Abend in Barby erlebt und nach einigen Sätzen, die wir über unsere Quartiere austauschen, fuhr er den Elberadweg weiter in Richtung Bad Schandau. Mein Weg führte mit der Fähre über die Elbe, um auf dem Saale-Radweg nach Halle zu fahren. Bevor wir uns trennten, warnte mich Helmut noch vor einem Tiefdruckgebiet mit Starkregen und Gewittern. Wir versprachen, uns aus dem jeweiligen Übernachtungsort anzurufen, um die Tageserlebnisse auszutauschen und die Wettersituation zu besprechen. Denn Helmut hatte in seinen Unterkünften Fernseher und damit die aktuellsten Wettervorhersagen.

Vor dem Ort Calbe wurde ich in eine Sackgasse gelockt, die Fähre setzte nicht an das andere Ufer über und der Weg endete an der Saale. Die Stadt konnte ich nur aus der Ferne sehen, was ich als Zeichen wertete, und ich fuhr weiter. Die Fahrt ging über Wedlitz nach Nienburg, vor Bernburg begann ein stärker werdender Nieselregen, und ich streifte meine Regensachen über. Von innen und außen durchnässt, fuhr ich durch die schöne Stadt Bernburg. Viele alte Gebäude zeugen von der Blüte der Stadt, die Marienkirche (13.Jh.), Wohnhäuser aus der Renaissance und des Barock und auch Teile der ehemaligen Stadtbefestigung waren sehr gut erhalten. Die Burg (das Schloss) wurde 961 erstmals als Burg Brandenburg erwähnt und von Albrecht dem Bären, dem Stammvater der Askanier, nach einem Brand im 12.Jh. wieder aufgebaut. Die Burg wuchs zu einem stolzen Schloss, das unterschiedliche Baustile vereint.

Zurück auf dem Fernradweg fuhr ich in Richtung Alsleben unter der A14 hindurch. Unter der Autobahnbrücke zog ich die nassen Regensachen aus und verstaute sie zum trocknen auf dem Rad. Es ging weiter nach Könnern zur über 1.000- jährigen Stadt Wettin. Die Geschichte, der auf einem über 500 m langen Bergrücken, entlang der Saale liegenden Burg, lässt sich bis in das 9.Jh. zurück verfolgen. Es ist die Stammburg des sächsischen Königshauses, der „Wittiner“, die hier bis 1288 auch residierten.

Die letzten Meter waren eine Tortour, mein linkes Knie wollte sofort ankommen und mein Kopf noch bis nach Halle. Gegen 17:30 Uhr erreichen beide Körperteile Halle, mein Campingplatz lag im Norden und befand sich hinter dem Nordbad. Es war ein ungewöhnlicher Ort für einen Zeltplatz; mein Zelt stand allein auf der Wiese, hinter mir übernachtete, in Campingwagen die Hochseiltruppe „Geschwister Weisheit“. Nach den üblichen Tätigkeiten telefoniere ich noch mit Klaus, meinem alten Kumpel, den die Liebe nach Leipzig verschlagen hat. Und da ich nicht wusste, ob mein Knie es mir ermöglichen würde auf der Rücktour Leipzig zu besuchen, beschloss Klaus mich sofort und spontan zu besuchen. Das war ein tolles Wiedersehen in Halle, wir saßen noch lange auf einer Bank im Nordbad. Als es frisch wurde fuhr Klaus zurück und gegen 23:30 gingen die Glühwürmchen und ich schlafen. Den Besuch in Leipzig hatte ich noch nicht abgehakt, mal sehen!

25.06.2009 Halle-Jena, 110 Km

Der Himmel war bewölkt und es lag Regen in der Luft, so fand mein Frühstück in aller Eile statt. Leider wurde ich nicht ganz fertig, als ich das Zelt zusammenlegte, begann der Regen; Schei…! Also wurde einiges nass zusammengelegt. Die Tour durch Halle war schön, viele grüne Oasen säumten den Weg. Bei einem Supermarkt holte ich mir meinen Wasservorrat und ein Kunde sagt mir, es soll sehr regnerisch werden. Er hatte es kaum ausgesprochen, da fing es an zu regnen. Für ungefähr 2 Stunden bekam ich Dauerregen und durchfuhr in dieser Zeit die Städte Schkopau, Merseburg und Leuna. In Merseburg, einer der ältesten Städte im Mitteldeutschen Raum, beeindruckte mich die Größe der einstigen Residenz- und Regierungsstadt. Das Merseburger Domviertel mit dem architektonisch einmaligen Ensemble aus Dom, Schloss, Schlossgarten und dem Städtehaus ist in Mitteldeutschland ohnegleichen. Wenn es nur nicht regnen würde.

An der Abfahrt nach Bad Dürrenberg hatte ich einige Strafrunden absolviert, da ich wegen einer Umleitung und den Baumaßnahmen meinen Radweg verfehlte. Irgendwie kam ich doch nach Leuna, die Stadt ließ ich schnell hinter mir und fuhr in Richtung Weißenfels. Gegen 13.00 Uhr saß ich in Weißenfels auf dem Markt und bestellte mir das Tagesgericht, Fischpfanne mit Reis für 3,33 €. Der Ort beeindruckte mit seinem Barockschloss „Neu Augustusburg“, einstige Residenz der Herzöge von Sachsen-Weißenfels. Hier lebten sehr viele berühmte Persönlichkeiten wie Telemann, J.S. Bach, Friedrich Händel, Hedwig Courths-Mahler und Friedrich Ladegast, um nur einige zu nennen.

Weiter ging es in Richtung Naumburg. Kurz vor der Stadt kam ich vom Weg ab, merkte es nur nicht. Die Abfahrt war sehr steil, ich stieg ab und schob das Rad, denn der Weg wurde unbefahrbar. Die nächste Lichtung kam in Sicht und ich hoffte, danach meinen Radweg vorzufinden. Die Enttäuschung: Der Weg führte auf eine Pferdekoppel. Ein Zurück gab es mit dem beladenen Rad nicht, so suchte ich eine Zaunlücke. An einem Teilstück des Zaunes konnte ich unter dem Draht hindurchschlüpfen, fast liegend gelang es mir, auf einen anderen Weg zu gelangen. Dieser Weg führte mich auf meinen gesuchten Radweg zurück, dann hielt ich an, um meine Karte zu studieren. Ein Radfahrer hielt neben mir, er empfahl mir, auf der Bundesstraße in Richtung Jena zu fahren. In Saaleck seien die Brücken gesperrt und es gebe sehr weite Umleitungen. Den Rat befolgend, fuhr ich auf der B 88 weiter, der starke Verkehr war nur ein Übel, die Steigungen betrugen 10 % und eine Abfahrt war nicht in Sicht. Die Schufterei auf dem Asphalt trieb mir den Schweiß aus allen Poren. Ab Camburg wurde die Landschaft abwechslungsreicher.

In Dornburg wurden die Straßen erneuert, nach erfolgreicher Suche fuhr ich auf dem Radweg weiter. Vorbei an den schönen „Dornburger Schlössern“ gelangte ich durch ein Naturschutzgebiet nach Golmdorf.

Von dort zum Zeltplatz „Camping bei Jena“, gegen 18:00 Uhr baute ich mein Zelt auf. Kaum angekommen, wurde ich von einem Ehepaar aus Schottland mit Tee verwöhnt. Nach den schon zur Routine gewordenen Handgriffen befand sich alles an seinem Platz und die Wäsche hing auf der Leine. Da wurde mir unverhofft eine Einladung zum Abendbrot, die ich gern annahm, zuteil. Das Ehepaar aus Holland hatte Spaghetti Bolognese zubereitet und wir plauderten noch eine ganze Weile. Das Angebot, noch Wein zu trinken, lehnte ich jedoch ab, ich wollte die Gastfreundschaft nicht noch stärker strapazieren. Es ist eine tolle Erfahrung, spontan solche Unterstützung zu erfahren, auf diese Weise gaben mir die Menschen viel Kraft, den Weg fortzusetzen.

26.06.2009 Jena-Saalfeld, 75 Km

Mein Zelt war noch sehr feucht von der Nacht, das Kondenswasser wollte innen auch nicht trocknen. Nach mehrfachem Trockenwischen konnte ich alles zusammenpacken und auf dem Saale-Radweg durch Jena fahren. Es war bewölkt und der Dunst hüllte die Stadt in Watte. Nach wenigen Kilometern befand ich mich mitten auf dem „Alten Markt“, der sehr schön restauriert wurde, ich stieg ab und schob das Rad durch die Geschäftsstraßen. Mir fielen die vielen jungen Menschen auf, die das Stadtbild prägten, eine junge, quirlige Metropole. Bei meinem Stadtbummel hatte ich den Radweg aus den Augen verloren und suchte nach Orientierung, da fuhren zwei beladene Radfahrer an mir vorbei. Sie kannten scheinbar den Weg aus der City und ich folge ihnen, so kam ich zurück auf den Radweg in Richtung Kahla, Orlamünde, Uhlstädt und Weißen.

Der Himmel zog sich immer mehr zu und es konnte Regen oder Gewitter geben, da fiel mir Helmut ein, der schon viele Stunden im Regen fuhr. So erzählte er mir am Telefon, als ich gestern mit ihm sprach.

Die Landschaft war von Burgen und Weinbergen geprägt, die Steigungen nahmen zu. Im Gasthaus „Zum Goldenen Ross“ kehre ich zum Mittagessen ein. Nach ausgiebiger Stärkung fuhr ich mit drei Kartoffelpuffern im Bauch die Berge in Richtung Weißen hoch. Der Weg führte direkt an die Saale, dort legten Wassersportler an, die dann die Kanus aus dem Wasser hoben und hinter den Stromschnellen wieder einsetzten. Nun führte eine lange Steigung zur Burg Weißen, die Aussicht war Belohnung für die Strapazen. Zur Krönung schrieb das Küchenpersonal das Tagesgericht auf die Werbetafel. Hier hätte ich Wild mit Pilzen essen können, schade, schade.

Weiter ging es über Rudolstadt nach Saalfeld, die Gewitterwürmer krachten auf meine Fahrradbrille und der Himmel wurde immer dunkler, es konnte jeden Augenblick Gewitter geben. Nun startete ich zum Endspurt nach Saalfeld, dort sollte gegen 17:00 Uhr eine Grillparty stattfinden. Die geladenen Gäste waren die Mitwirkenden an der Entstehung des ersten Buches, welches mein alter Kumpel Henry geschrieben hatte. Petrus verschonte mich und gegen 15:00 Uhr traf ich trocken in Saalfeld ein.

27.06.2009 Saalfeld Ruhetag

Am frühen Morgen wurde ich durch Blitz und Donner geweckt, wie gut im warmen Bett aufzuwachen, dachte ich und drehte mich nochmal um. Henry hatte für den Tag einen tollen Einfall, wir fuhren nach Wurzbach, dort besuchen wir das „Kunsthaus Müller“. Wir wurden sehr freundlich empfangen und konnten einen Blick in die alte Steindruckerei werfen. Herr Müller reproduziert unter anderem auch alte Lithos für international renommierte Künstler. Seine Druckerei war sehr interessant, das alte Handwerk findet auch über die Landesgrenzen hinaus durch den künstlerischen Steindruck Beachtung. Nach einer Stärkung in einem Gasthaus nahe Wurzbach verbrachten wir den restlichen Tag in Saalfeld. In einer Schokoladenmanufaktur tranken wir Kaffee und probierten noch leckere handgemachte Pralinen dazu, hmm. Mit einem gemütlichen Zusammensein ließen wir den Abend ausklingen, denn am nächsten Morgen begab ich mich auf die Rückreise.

28.06.2009 Saalfeld-Bad Kösen, 106 Km

Nach herzlicher Verabschiedung und mit Proviant ausgestattet verließ ich die schöne Stadt. Auf der Rückfahrt besuche ich die Floßfahrtgemeinde Uhlstäd. Weiter ging es an der Saale entlang, die, eingebettet in eine tolle Landschaft, die nächsten Kilometer prägte. Über Niederkrossen ging es bergab nach Orlamünde und nach Kahla.

In Kahla wollte ich den alten Stadtkern besichtigen. Angelockt von lauter Musik und Volksfeststimmung fuhr ich zum Marktplatz. Dort verweilte ich und schaute dem lustigen Treiben zu. Plötzlich sprach mich eine Person an: „Na, bist du auf der Rückreise?“ Der Holländer vom Zeltplatz Jena, damit hatte ich nicht gerechnet, solch ein Zufall. Er berichtete mir, seine Frau spielt in der Band auf dem Markt. Ich wollte ihr auch Hallo sagen. Aber nach unzähligen Zugaben fuhr ich aus Zeitgründen doch unverrichteter Dinge weiter. Der Weg bis Bad Kösen war noch weit und zeitlich nicht kalkulierbar. Wie es sich für eine Porzellanstadt gehört, fand ich auch einen Werksverkauf und bestaunte durch das Schaufenster die tollen Auslagen.

Der Weg führte weiter nach Jena, auf dem Campingplatz suchte ich noch nach den Holländern, sie waren leider noch nicht zurück, und so konnte ich mich nicht von ihnen verabschieden. Schade!

Der weitere Streckenverlauf entsprach dem der Hinfahrt, nur in anderer Reihenfolge, Dornburger Schlösser und von Camburg nach Bad Kösen.

Dieser Ort zog mich magisch an, wollte ich doch das Saaleck besuchen. Der Umweg, vor dem mich der Radfahrer auf der Hinfahrt in Naumburg gewarnt hatte, verlangte mir alles ab. Es ging stetig bergan und der eine Ort hieß nicht umsonst „Schieben“, aber das wollte ich aus Prinzip nicht. Gegen 18:00 Uhr traf ich auf dem Zeltplatz „Camping an der Rudelsburg“ ein. Beim Zubereiten meiner abendlichen Mahlzeit kochte mir die Suppe über und bescherte mir noch einen ungewollten abendlichen Abwaschdienst.

29.06.2009 Bad Kösen-Leipzig, 72 Km

Am nächsten Morgen verstaute ich mein Zelt trocken, denn nachdem ich es in die Sonne getragen hatte, wurde es schnell von der Restfeuchte befreit.

Nach Bad Kösen schaue ich mir noch Naumburg an, die Stadt am Zusammenfluss von Saale und Unstrut. Sie gehört zu den schönsten Kleinstädten Mitteldeutschlands. Der Naumburger Dom „St. Peter und Paul“ zählt zu den berühmtesten deutschen Bauwerken des Mittelalters. Am Naumburger Markt stehen mehre hundert Jahre alte Handelshäuser.

Über Schönburg fuhr ich nach Weißenfels und weiter nach Bad Dürrenberg, wo ich den Saaleradweg verließ. Die Reise ging auf der B 86 nach Leipzig weiter, dort hatte ich mich bei Klaus, meinem alten Kumpel, angemeldet. Nur mit der Zeit hatte ich ein Problem, bis 14:00 Uhr würde ich es nicht schaffen. Der Weg führte mich am Kulkwitzer See vorbei, über Schönau nach Plagwitz, in die Naumburger Straße. Martina und Klaus warteten schon seit Stunden auf meine Ankunft, denn mir wurde eine Siteseeing Tour zu teil, für die nun zu wenig Zeit blieb. Bei einem Eisbecher am Cospudener See überzeugte ich mich von der „Seeseite“ Leipzigs, mit Weißer Flotte und Yachthafen. Am Markkleeberger See staunte ich über den Kanupark und die Sicht auf die Silhouette von Leipzig. Ein Abendessen und der Blick vom Cityhaus sowie die Wegbeschreibung zum Bahnhof rundeten den Abend ab. Wir klönten noch, bevor ich total müde in meinen Schlafsack kroch.

30.06.2009 Lepzig-Schwerin

Um 10:00 Uhr sollte mein Zug nach Schwerin abfahren und meine Tour ihr Ende nehmen. Pünktlich fand ich mich auf dem Bahnsteig ein, der InterConnex stand schon bereit und im Fahrradabteil fanden sich einige Radfahrer ein. Micha und Nadine wollen bis Rostock, um dann mit der Fähre nach Schweden überzusetzen. Wir fanden genügend Gesprächsstoff, aber der Zug fuhr nicht ab. Eine Durchsage klärte uns über technische Probleme auf. Nach ca. 1 Stunde wurde endgültig klar, mit diesem Zug gab es keine Reise in den Norden, also versuchten wir, eine alternative Zugverbindung zu finden. Am DB-Informationsschalter wurde uns eine neue Route erstellt. Wir beschlossen gemeinsam zu reisen und erhielten ein vergünstigtes Ticket nach Berlin. Leider stiegen wir in den Zug ein, der 8 Minuten früher den Bahnhof verließ. Zu spät stellen wir fest, dass wir nach Halle fuhren.

In Halle hatten wir eine Stunde Aufenthalt, bevor wir einen Zug in die geplante Richtung bekamen. Bis Berlin kamen wir dann planmäßig durch, nur ein Zwischenstopp in Wittenberg stand noch an. Die kurze Stadtbesichtigung war eine willkommene Abwechslung. Nach einem kleinen Imbiss sprinteten wir zum Zug in Richtung Berlin.

Nach der Ankunft in Berlin verabschiedeten wir uns und ich stieg aus, da mein Zug in Richtung Wismar hier abfuhr. Ich verließ den Zug und sollte laut Anzeigetafel vom Bahnsteig 8 abfahren. Dort ereilte mich kurz vor der Abfahrt eine Durchsage, dass der Zug außerplanmäßig vom Bahnsteig 9 abfahren würde. Leider lagen zwischen den Bahnsteigen viele Treppen und ein voller Fahrstuhl, nach erfolgreichem Bahnsteigwechsel kam ich am Zug an, der schon die Türen geschlossen hatte und sich ohne mich in Richtung Wismar in Bewegung setzt. So hatte ich nach einem empörten Aufschrei nur die Wahl, auf einen Anschlusszug auszuweichen, der über Güstrow und Bützow nach Schwerin fuhr. Leider gab es in Bützow keinen Fahrstuhl, also blieb mir nur die Treppe: Fahrradtaschen abladen und alles auf den nächsten Bahnsteig tragen! Gegen 22:00 Uhr kam ich entnervt in Schwerin an. Auf meiner Tour hatte alles planmäßig funktioniert, nur die Bahn hatte meine Rückfahrt zu einem unfreiwilligen Erlebnis werden lassen.

Der letzte Kilometerstand von 836 Kilometern entsprach nicht meinen angestrebten 1.000 Kilometern, denn eigentlich hatte ich um 13:00 Uhr in Güstrow aussteigen und nach Schwerin pedalen wollen. Aber um es mit Jens Hübner (dem Fahrrad-Weltreisenden) zu sagen: „Die Tour diente der Entschleunigung vom Alltagsstress“, und daran konnte auch die verpatzte Bahnfahrt nichts ändern.